Untugenden- wie sie zustande kommen und wie sie behandelt werden können

Pferde müssen heutzutage wirklich viel aushalten! Während sie sich früher auf weiten Ebenen selbst überlassen waren, wird heute von ihnen erwartet, dass sie in kleinen Ställen leben und auf begrenzten, eingezäunten Flächen weiden. Da ist es kein Wunder, dass sie sich langweilen und sich nach anderen Beschäftigungen umschauen. Unglücklicherweise entwickeln sich viele dieser Beschäftigungen zu Untugenden mit teilweise schwerwiegenden Folgen.

 

Was ist eine "Untugend"?

Eine "Untugend" ist eine Art von abnormalem Verhalten, das sich zu einer Gewohnheit entwickelt. Sie ist häufig destruktiv und wird meistens von Pferden entwickelt, die über längere Zeit auf kleinem Raum gehalten werden.

 

 

Welche Untugenden gibt es und wie kann ich diese verhindern?

 

Psychisch bedingte Untugenden:

 

• Boxenlaufen - ist meist ein Ausdruck von Langeweile. Ihr Pferd läuft stundenlang im Kreis, was Schäden an Bändern, Gelenken und Hufen verursacht und Ihr Pferd natürlich ermüdet. Boxenläufer sind nur sehr schwierig zu stoppen und die beste Lösung ist häufig, das Pferd so oft wie möglich auf die Weide oder auf einen großen Auslauf zu lassen. Wenn Sie keine andere Möglichkeit haben als Ihr Pferd in einer Box zu halten, sollten Sie versuchen, ihm auf irgendeine Weise Ablenkung zu verschaffen, z.B. durch einen Pferdeball.


• Krippenwetzen - ein "Krippenwetzer" beißt mit seinen Schneidezähnen in die Kante von Gegenständen, z.B. Krippe oder Gitterstäbe, und wetzt daran entlang. Das führt zu einer übermäßigen Abnutzung der Zähne, was wiederum Probleme beim Fressen verursacht. Im Normalfall ist auch das Krippenwetzen ein Ausdruck von Langeweile, es ist auch möglich, dass es sich Ihr Pferd von einem anderen "Krippenwetzer" abgeschaut hat. Sie können versuchen, diese Untugend dadurch zu verhindern, dass Sie jegliche Kante, die sich zum Wetzen anbietet mit übel schmeckenden Substanzen einschmieren. In manchen Fällen hilft auch ein Kopperriemen.


• Schweifscheuern - Schweifscheuern entwickelt sich meist nach einem vorausgegangenen Parasitenbefall zu einer Untugend. Deshalb sollten Sie zuerst sicherstellen, dass keine Parasiten mehr vorhanden sind. Schweifscheuern bewirkt den Verlust der Schweifhaare und schädigt die Haut. Als Gegenmaßnahme können Sie den Schweif Ihres Pferdes einbandagieren oder Bretter so in der Box anbringen, dass Ihr Pferd keine Möglichkeit mehr hat, sich an etwas zu scheuern.


• Weben - Weben ist in den meisten Fällen durch Langeweile verursacht, kann aber auch von anderen Pferden abgeschaut worden sein. Ein webendes Pferd verlagert sein Gewicht unablässig von einem Bein auf das andere und schwingt dabei Hals und Kopf hin und her. Dies führt zu einer Überbelastung von Gelenken und Sehnen und verursacht eine abnormale Hufabnutzung. In milden Fällen webt das Pferd nur in bestimmten Situationen, z.B. zu Futterzeiten. In ernsteren Fällen webt das Pferd konstant im Stall, über der Boxtür oder sogar im Freien. Es ist beinahe unmöglich, diese Untugend zu stoppen. Pferde, die über der Stalltür weben, können eventuell dadurch gestoppt werden, dass man die Stalltüre ganz schließt. Vermeiden Sie unbedingt, dass Ihr Pferd für eine längere Zeit in der Box stehen muss. Sollte Ihr Pferd dennoch in der Box stehen müssen, versuchen Sie, es beispielsweise mit einem Gefährten, einem Pferdeball oder Futter, das nur sehr langsam freigesetzt wird abzulenken.


• Koppen - kann alleine ("Freikopper") oder in Kombination mit Krippenwetzen ("Aufsetzkopper") auftreten. Das Pferd beißt mit seinen Schneidezähnen in die Kante eines Gegenstandes, spannt seine Halsmuskulatur an und zieht gleichzeitig zurück: Dabei saugt es Luft in seinen Magen. Oft ist dabei auch ein Grunzlaut zu hören. Koppen ist ebenfalls ein Ausdruck von Langeweile und kann von anderen Pferden abgeschaut werden. Es tritt vermehrt bei Pferden auf, die viel Kraftfutter und wenig Rauhfutter erhalten. Vermeiden Sie es, Ihr Pferd neben einem Kopper einzustellen und sorgen Sie für genügend Abwechslung, damit sich Ihr Pferd nicht langweilt. Behandeln Sie alle Oberflächen mit übel schmeckenden Substanzen. Spezielle Kopperriemen schaffen in vielen Fällen Abhilfe. Bei einer Kopperoperation werden bestimmte Halsmuskeln durchtrennt, so dass Ihr Pferd zum Koppen nicht mehr in der Lage ist.


• Holznagen - wird durch Langeweile, Mangel an Bewegung oder Nervosität verursacht. Holznagen tritt auch im Zusammenhang mit Zahnproblemen, Parasitenbefall und Mineralstoffmangel auf. Holznagen führt zu einer übermäßigen Abnutzung der Zähne, was wiederum Probleme beim Fressen verursacht. Sie können alle hölzernen Oberflächen mit Metall oder Kunststoff verkleiden oder mit übel schmeckenden Substanzen behandeln. Auf der Weide können Elektrozäune Abhilfe schaffen.

 

 

Temperament und erziehungsbedingte Untugenden:

 

• Beißen - kommt vor allem bei Hengsten vor. Manche Bisse sind als Selbstverteidigung gegenüber anderen Pferden und auch unerwünschten Menschen gedacht. Manche Pferde, die normalerweise friedlich sind, fangen an zu beißen, wenn sie grob gebürstet werden oder wenn der Sattelgurt zu fest angezogen wird. Ponys beißen häufig Kinder, die sie ärgern! Beißen hört normalerweise auf, wenn die Ursache beseitigt wird. Sollte Ihr Pferd versuchen, Sie zu beißen, dann geben Sie ihm einen kurzen, trockenen Schlag auf ein gut bemuskeltes Körperteil zusammen mit einem tadelnden "Nein". Nach einiger Zeit sollte ein "Nein" ausreichen, um Ihr Pferd vom Beißen abzuhalten. Meistens hören die Pferde schließlich ganz mit dem Beißen auf.


• Durchgehen - darunter versteht man das plötzliche Losrasen eines Pferdes beim Reiten oder Fahren. Es ist dabei völlig der Kontrolle des Reiters entzogen und reagiert auf keine Kommandos mehr. Durchgehen ist extrem gefährlich für Pferd und Reiter. Stellen Sie zuerst fest, ob Ihr Pferd unter Schmerzen leidet, überprüfen Sie Sattel und Gebiss. Eine mangelnde Ausbildung oder schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit können ebenfalls dazu führen, dass ein Pferd durchgeht. Vermeiden Sie weite, offene Flächen und reiten Sie nur in Gesellschaft ruhiger, erfahrener Pferde und Reiter aus.


• Ausschlagen - manche Pferde haben gelernt, wie sie durch kontinuierliche Tritte Türen und Boxenwände einschlagen können. In manchen Fällen kann dies durch Abpolsterungen verhindert werden. Ungeduldige Pferde schlagen häufig während des Fütterns aus. Pferde, die früher schlechte Erfahrungen gemacht haben, benutzen Ihre Hufe zur Selbstverteidigung. Ausschlagende Pferde sind sehr gefährlich und es sollte nur mit äußerster Vorsicht mit ihnen umgegangen werden.


• Steigen - kann bei aufgeregten Pferden oder Ponys vorkommen, die aber im Normalfall ihre Vorderbeine nur ein kurzes Stück vom Boden heben, wenn sie unbedingt loslaufen wollen. Andere Pferde steigen, wenn sie versuchen, aus einer für sie unangenehmen Situation zu entkommen oder sich weigern, eine bestimmt Aufgabe zu erfüllen (z.B. Springen oder Verladen). Diese Situationen können im Allgemeinen von einem erfahrenen Reiter gemeistert werden. Es gibt jedoch auch Pferde, die auf Grund von Schmerzen steigen, z.B. Pferde mit Rückenproblemen, einer alten Verletzung oder einem wunden Maul. Überprüfen Sie auf jeden Fall auch die Ausrüstung Ihres Pferdes. Pferde, die so extrem steigen, dass der Reiter abgeworfen wird oder die sich überschlagen, sollten Sie unbedingt in die Hände eines Experten geben!

 

Sollten Sie andere abnormale Verhaltensweisen bei Ihrem Pferd beobachten und sich fragen, ob es sich dabei um eine Untugend handelt, zögern Sie nicht Ihren Tierarzt um Rat zu fragen.

 

 

Was sollte ich noch beachten?

 

• Fütterung - für die meisten Pferde entsteht eine Stresssituation, wenn sie keine Möglichkeit zum Grasen haben, was wiederum zu unnormalen Verhalten führen kann. Füttern Sie Ihrem Pferd über den Tag verteilt genügend Rauhfutter, damit es eine ständige Beschäftigung hat.


• Stall - betrachten Sie die Einrichtung der Box Ihres Pferdes kritisch. Wenn Ihr Pferd längere Zeit in der Box stehen muss, sollte es dort so angenehm wie möglich sein. Pferde, die keinen Kontakt mit anderen Pferden haben oder diese nicht einmal sehen können, langweilen sich sehr. Stellen Sie sicher, dass Ihr Stall hell und gut belüftet ist. Ihr Pferd sollte ständig frisches, sauberes Wasser zur Verfügung haben. Probieren Sie verschiedene Einstreuarten - es kann sein, dass Ihr Pferd eine Vorliebe für eine bestimmte Einstreu hat. Musik ist ebenfalls ein Mittel gegen Langeweile - stellen Sie das Radio an, wenn kein anderes Pferd im Stall steht.


• Ablenkung - wenn Ihr Pferd über längere Zeit in der Box stehen muss, versuchen Sie so gut es geht für Ablenkung zu sorgen. Wenn Ihr Stall groß genug ist, besorgen Sie Ihrem Pferd einen "Gesellschafter"; das kann ein anderes Pferd, ein Pony, ein Esel oder sogar eine Ziege sein. Pferde sind Herdentiere! "Spielzeug" sorgt ebenfalls für Ablenkung. Einfache Tricks vertreiben die Langeweile: Hängen Sie eine Kette oder einen Ball in der Box Ihres Pferdes auf. Noch mehr Spaß macht es Ihrem Pferd, wenn Sie den Ball mit Melasse einschmieren. Herunterhängende Karotten und Äpfel sind ebenfalls sehr beliebt bei Pferden. Es gibt auch spezielle Pferdebälle, die man in der Box lassen kann. Manche dieser Bälle haben einen Griff, so dass Ihr Pferd den Ball aufheben und umherwerfen kann. Andere Bälle können mit Futter gefüllt werden und haben kleine Löcher, durch die das Futter langsam herausfällt, wenn der Ball bewegt wird.


• Operation - ist eine eher radikale Maßnahme, die bei extremen Krippenwetzern und Koppern in Frage kommt. Dabei wird ein Teil der Halsmuskulatur entfernt, die für die genannten Untugenden notwendig ist.